Corona-Tagebuch

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Lockdown II, Woche III – Ich bin übellaunig an diesem nebeligen Herbstmorgen. Weder die ersehnte Tasse Tee noch ein paar Schlucke Kaffee helfen mir aus diesem Tief. Erst als sich die Sonne einen Weg durch die Wolkenschwaden bahnt, lebe ich gemächlich auf. Es gibt einiges in der Stadt zu erledigen. Also mache ich mich auf den Weg. Trostlos gähnt mir dort eine leere Fußgängerzone entgegen. Die Passanten kann ich an einer Hand abzählen. Am unteren Marktplatz sind es immerhin neun Personen, die mir begegnen. Ein trauriges Bild. Um mich selbst nicht wieder dieser Stimmung hinzugeben, gehe ich in die Offensive und betrete kurzentschlossen eine Boutique. Eine kühne Handlung für mich! Bin ich doch eher ein Liebhaber von Buchläden und Baumärkten. Zugegeben: Shoppen mit Maske ist nicht gerade sexy. Und wenn man auch noch die Leserille aufsetzen muss, um die Preisetiketten entziffern zu können, gestaltet sich das vermeintliche Vergnügen zu einer lästigen Angelegenheit. Aber dann komme ich in einen außergewöhnlich komfortablen Genuss: Als einziger Kundin in diesem Moment gebührt mir die volle Aufmerksamkeit der Verkäuferin. Nett ist es auch in anderen Geschäften, denn jeder hat Zeit, und so verstrickt man sich in den einen oder anderen Plausch. Schließlich kehre ich mit leichtem Herzen und schwerer Einkaufstasche zurück nach Hause. Unterwegs treffe ich den Herrn Nachbarn. „Lange nicht gesehen!“, begrüßt er mich freundlich. „Jaja. So ist das in diesen Zeiten …“, beginne ich zu schwadronieren. Wir palavern über dies und das, während er eigentlich das Auto holen wollte … Schließlich tritt seine Frau aus der Tür: „Wo ist deine Maske?“, fragt sie streng. „Die habe ich vergessen!“, gibt er zu. „Och, Heinz! Du gehst mir langsam auf den Keks! Immer vergisst du deine Maske!“. Schnell verabschiede ich mich, zücke selbst wieder meine Maske und verstecke ein breites Grinsen dahinter. Franziska Lachnit (November 2020)