Spätfolgen 

Corona hatte mich nicht erwischt. Nicht das Virus. Dem Himmel oder wem auch immer zum Dank! Jetzt mit den ersten wiedererlangten Freiheiten spüre ich aber eine andere Infektion. Eine milde und wahrscheinlich harmlose Art der Soziophobie hat mich ergriffen. Endlich darf man sich wieder zahlreich treffen und die Kneipe ums Eck besuchen! Hurra! – so dachte ich, aber dann verspürte ich seltsame Lähmungserscheinungen. Der Finger wollte nicht so recht über die Handytastatur gleiten, um eingeschlafene Kontakte aufzuwecken. Der Terminkalender war eigentlich schon mit einem Besuch bei Papa und einem Spaziergang mit Freundin durchs Siebengebirge voll. Soll ich jetzt zusätzlich noch jemanden treffen, so bin ich bereits überfordert. Ich habe mich in diesen Lockdown-Zeiten dermaßen zurückgezogen, dass es mir inzwischen schwerfällt, mich aus meiner eigenen Falle zu befreien. „Zu Hause ist es doch auch schön!“ – ein zunächst lebensrettendes Argument, jetzt aber eine hinderliche Ausrede. Wenn meine Freunde und Mitmenschen ebenso geschädigt sind … wie sollen wir dann jemals wieder zueinanderfinden? Ich bemühe mich, sanft über diesen Schatten zu springen. Vor ein paar Wochen bin ich auf einem Abendspaziergang einfach mal bei Freunden vorbeigegangen, die ich tatsächlich vor ungefähr einem Jahr zum letzten Mal gesehen hatte. Mit weit geöffneten Armen wurde ich herzlich empfangen. Ach, war das schön! Spontaneität war seit langem verbannt. Jetzt darf sie wieder versucht werden! Muss genutzt werden, um aus dem Isolationskarussell herauszukommen. Und geht man dann den Schritt nach draußen, so fühlt man sich ein bisschen wie damals, als man Corona noch nicht kannte. Also: Tür auf und raus! Franziska Lachnit