Ex-Kaiser’s kaufen?

Leer ist sie, die City. Viel zu leer und viel zu oft. Es tut dem wirtschaftlichen wie sozialen Zentrum nicht gut, wenn Apotheke, Bäcker, Optiker, Textil- und Bekleidungsgeschäfte kämpfen müssen. Es tut Bad Honnefs viel beschworenem Flair nicht gut, wenn mittags die Gastronomien zu bleiben wegen mangelnder Aussicht auf tragenden Umsatz. Und wenn ein solcher Kreislauf erst mal rotiert, dann wird es noch leerer.

Die eigene Stadt in solchem Prozess zu sehen, das erschreckt. Es macht auch keinen Spaß, darüber zu berichten; denn selbst dies schreibt die Misere fort und erzeugt allein keinen Nutzen. Verdient hat es die Geschäftswelt keinesfalls, denn sie ist vielfältig und kompetent. Jedenfalls findet sich im Norden erst mit Bonn- Beuel ein Ähnliches bietender Ort, südwärts kommt vor Neuwied höchstens Linz in Frage. Diese Qualität Bad Honnefs ist den Bewohnern seit jeher wichtig, für potentielle Zuzügler ist sie dominanter Entscheidungsgrund neben Natur und Umwelt sowie Schul-, Sport- und Kulturangebot.

Die Vergangenheit der Honnefer City war großartig. Vielleicht werden auch viele Neubürger in etlichen Jahren eine Chance auf Erholung bieten. Aber die aktuelle Wirklichkeit macht zu schaffen. Das JETZT ist das Problem. Wer das nicht erkennt oder nicht erkennen will, der hat schon verloren. Wer dagegen arbeitet wie Centrum e.V. mit seinen Stadtfesten, dem gebührt starke Unterstützung. Das Bemühen um Dachmarke und Onlineportal jedenfalls geht in die richtige Richtung. Heimliche Gedanken an eine Auslese der Besten durch Krise und Überlebenskampf sind zynisch.

Viele legen den Finger darauf und sagen: Es sind die Nachwehen der Kunden vertreibenden, aber notwendigen Kanalbauarbeiten und der Verlust des Nahversorgers Kaiser’s als Frequenzbringer, die den jetzigen Zustand begründen. Das mag sein. Die konkurrierende Existenz einer Ladenstadt auf der nahen grünen Wiese im Süden, welche in der Tat die ganz überwiegende Mehrheit alltäglicher Bedürfnisse abdeckt, macht die Sanierung der Innenstadt nicht leichter. Einiges lief aus dem Ruder. Ganz bestimmt reicht kein noch so ambitioniertes Bauprogramm für Wohnungen, um den genügend starken Gegen-Impuls zu setzen. Es braucht ein Signal. Stark und entscheidend genug, um umzusteuern. Ein Signal in der Stadt, das Dynamik in Gang setzt. Am besten ein Signal, das die Stadt selbst setzt, das sie selbst lenkt und gestaltet.

Für einen solchen Ansatz kann das aufgegebene Kaiser’s Geschäft geeignet sein. Warum nicht diese Immobilie als Kommune erwerben, um sie selbständigen – auch kleinen – Händlern und Produzenten zum Vertrieb ihrer Waren zur Verfügung zu stellen? Als schöner Markt unter einem Dach. Gern mit besonderen Delikatessen, vor allem aber mit lokalen Erzeugnissen in frischer Marktqualität. Mit einem Sortimenter als Nahversorger, sodass Besuche der City wieder fast alle Zwecke einer Einkaufstour erfüllen. Mit Kaffeestore samt kleiner Karte. Selbstverständlich beschickt von Honnefer bzw. regionalen Erzeugern oder Händlern, wenn es um Brot, Wein, Eier, Fleisch oder Ähnliches geht. Alles zu reellen Preisen mit der Möglichkeit, beim Espresso oder einem Mittagsgericht ins Gespräch zu kommen.

Wolkenkuckucksheim? Jedenfalls eröffnete letzten Freitag in Köln auf der Maastrichter Straße genau so ein Ensemble unter dem Namen „Belgisches Viertel“. –  Wer immer sich jetzt gegen einen Vergleich von Bad Honnef mit Köln verwahren will als unrealistischer Griff nach den Sternen, der mag bedenken: Gilt solcher Vorbehalt wirklich auch für ein solches Konzept? Zumal der ehemalige Kaiser’s Markt über die anderthalbfache Fläche der gerade mal 400 Kölner Quadratmeter verfügt, zumal er sich auf nur einer statt zwei Etagen erstreckt. Ebenerdig und barrierefrei. Also auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, die in Bad Honnef zahlreich sind und zuletzt der Innenstadt den Rücken kehren mussten, weil sie dort nicht mehr umfassend versorgt wurden. Es könnte in der Tat gut passen.

Selbstverständlich böte ein solches Projekt Erfolg versprechende Ansätze zu öffentlicher Förderung. Es ist geeignet zur Überwindung jener Barrieren, die Ex-Kaiser’s für Bürgermeister und Wirtschaftsförderung als zu dickes Brett oder außerhalb ihrer Möglichkeiten erscheinen ließen. Im Gegenteil ginge es um ein Projekt, dass kaum Jemandem eher zuzutrauen wäre als dem erfahrenen Manager Otto Neuhoff. Und im dreistöckigen Wohnbereich könnten nicht nur Mieter zuhause sein, sondern auch die Logistik des Onlineportals mit seinem Lieferservice per Fahrrad. Ausgiebige Lager- und genügend Parkflächen hierfür existieren jedenfalls.

Sollte der Antrag auf Umsetzung eines solchen Vorhabens demnächst im Rat gestellt werden, wird es den Initiatoren um die dynamische Maßnahme selbst gehen. Sie kennen zwar einen regionalen Sortimenter als Ankermieter sowie einen bekannten Hofladen, einen Winzer und einen Wildlieferanten als Beschicker – sie hängen dem Vernehmen nach jedoch nicht an einzelnen Aspekten. Ziel wäre die politische Entscheidung für eine neue Dynamik. Ziel wäre die aktive, steuernde Handlung durch die Stadt – durchaus unter Absicherung eigener Gestaltungsfähigkeit durch eine gewisse Kontrolle. bh