Hanoi, Vietnam am Vormittag. Wir stehen an einer unscheinbaren Straßenkreuzung. Vor uns ist die Hölle los: Motorroller sausen lautstark knatternd in Schwärmen an uns vorbei, Autos sporadisch dazwischen. Alles fließt wie ein stetiger Strom. Jeder Fußgänger, der die Straße überqueren möchte, ist nahezu todesmutig.

Man muss drauf los laufen, sich durch das Gewusel manövrieren, sich hindurch schwemmen lassen – sonst schafft man es nicht. Wir müssen in diesem Moment nichts befürchten, denn wir warten lediglich auf unseren Bus. Gegenüber erscheinen zwei – offensichtlich europäische – Touristinnen. Beide bleiben zunächst respektvoll stehen. Die eine zückt dann ihr Handy und beginnt zu filmen.

Die andere … geht los. Wagt sich auf die Straße. Unsicher und mit verspanntem Gesichtsausdruck. Nach ein paar Schritten lockert sich ihre Mimik, der Schritt wird forscher. Sie schiebt sich vorsichtig, aber souverän zwischen den dahin sausenden Motorrollern hindurch. Ab Straßenmitte überwältigt sie ein Lächeln – zuerst der Erleichterung, dann des Triumphs. Sie hat es geschafft.

Ihre Freundin folgt ihr nun zuversichtlich und erreicht ebenfalls unsere Straßenseite. Die beiden Damen sind Italienerinnen – heilfroh, dieses kleine Abenteuer überlebt zu haben. Ich mische mich in ihr Gespräch: Behaupte schmunzelnd, dass der Straßenverkehr in Italien doch derselbe wäre.

Daraufhin bestürmen mich beide sehr lebhaft: Die Damen kommen aus Norditalien, wo der Verkehr selbstverständlich zivilisiert verläuft („Wer’s glaubt!“ zweifle ich still). Aber in Neapel! Dort geht es genauso zu wie hier in Hanoi („Das glaube ich gerne!“). Nach dem kurzen Wortwechsel wünscht man sich gegenseitig „Buon viaggio!“. Unser Bus kommt, und die mutigen Italienerinnen gehen ihres Weges. Franziska Lachnit (2016)