Horst Fiest und sein „Schrebergarten“

In zweiundvierzig Jahren wächst so Einiges in Gärten. Gemüse, das man so lecker kaum kaufen kann. Früchte, die nicht nachreifen müssen und die man vom Gehölz nimmt, wenn sie reif sind oder just so, wie bzw. wann mensch sie verzehren will. Beeren, die preislich eben nicht in Gold aufgewogen werden. Nüsse, die ohne Atlantiküberquerung zentnerweise auf den Tisch kommen. („Aber in diesem Jahr trägt der Walnussbaum nicht.“)  Salat, der wie alles dort auch ungespritzt sein darf…. Und offensichtlich gedeiht eine weitere Spezies: der Baum der Erkenntnis.

1975 übernahm Horst Fiest den Garten von der Familie des Polsterers Neunkirchen. Unmittelbar neben der Parzelle, die damals noch Frau Odenthal aus Rommersdorf gehörte und die heute von einem Nachbarn betrieben wird. Herr Fiest weiß, dass die Neunkirchens hier schon in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts gärtnerten. Deren Original-Eingangstor erschließt noch heute sein Reich. Die Kirschplantage des Rechtsanwalts Dr. Eschbach, die sich ortseinwärts hinter den Gärten entlang zog, kennt Horst Fiest noch aus eigener Anschauung. „In der Au“ hieß das gesamte Areal und bestand ursprünglich aus den Gärten sowie einer großen Brachfläche, wo heute die Häuser im Nordwesten der Alexander-von-Humboldt-Straße und der parkähnlich ausgebaute Bereich liegen.

Der Grund für die Kultivierung des zum Ufer gewandten Teils der Brache war zwingend: Wenn Honnef „Bad Honnef“ sein und Kurbetrieb abhalten wollte, musste es erhebliche Quadratmeterzahlen an „Kurgebiet“ nachweisen. Also wurde Ende der Sechziger eine grüne Spange zwischen der neuen Siebengebirgsklinik – heute Seminaris Hotel – und der neuen Drachenfelsklinik – heute Park-Residenz – zusammengesetzt.

Aus den Gärten der Stadt und der geordnet begrünten ehemaligen Brache. Horst Fiest kann sich gut erinnern, hatte er doch genau dabei dem ausführenden Herseler Diplomgärtner als Ferienarbeiter geholfen. Warum das Konvolut dann „Stadtgarten“ hieß, mögen die Leser unschwer selbst nachvollziehen. Jedenfalls gehören die Gärten zum Stadtgarten, arrondiert um die frisch begrünte, demonstrativ repräsentativ gestaltete Fläche unmittelbar gegenüber dem Haupteingang zur Siebengebirgsklinik.

Soviel zur Frage, wo der Stadtgarten liegt, was dazu gehört, was dessen Grund und Entstehung ausmacht. Schade, dass hier falsche Legenden in die Welt gesetzt werden. Da hat sich offensichtlich erheblicher Druck aufgebaut. Horst Fiest hat eine klare Meinung: „Im Stadtgarten alles so lassen, wie es ist!“

Dabei ist Fiest keineswegs gegen Fortschritt und Wandel. Auch nicht in Bad Honnef. 38 Jahre war er bei Klinkenberg, nahm als Kundenberater teil am Aufstieg des Autohauses. Viele kennen ihn: weiße Bürste über dichten Brauen und weißem Bart, technikaffin, kommunikationsstark. Das Gegenteil eines Maschinenstürmers.

Ob er nun Schrebergärtner oder Laubenpieper genannt wird, sieht er emotionslos. „Ich habe einen Garten. Den will ich weitermachen. Unbedingt.“ Das möchte  auch sein Parzellennachbar, „solange es geht“.

In den späten Siebzigern pflanzte Horst Fiest Bäume. „Mehr als zehn.“ Die sind heute richtig groß. Ein „Riesen-Walnussbaum“, Fichten, eine Kiefer, andere. Die Bäume filtern was weg und „halten den Sauerstoffgehalt hoch“. Dennoch will er vor allem die Tierwelt vor Ort erhalten. Besonders die Vögel: Meisen, Dompfaff, Rotkehlchen, Buchfinken, Singdrosseln.

Ob ihm die Reduktion von Schadstoffen der benachbarten Schnellstaße denn nicht wichtig sei? „Doooch!“ Horst Fiest mag seine Stadt. Und er hatte Glück: Als vor Jahren zahlreiche Schrebergärtner von der Verwaltung – noch unter einem anderen Chef – vertrieben wurden, ging es allein um jene direkt am Rheinufer. Die Initiative war erfolgreich und wurde auch damals begründet mit der Absicht, das Gelände ordentlich zu beplanen. Was dann nicht stattfand. Sodass jene Gärten, deren Betreiber am Exodus teilnahmen, von der Natur ein wenig zurückerobert wurden. Auch hier wuchert irreführende Legende. Denn nicht die Gärtner ließen „verwildern“, sondern eine kommunale und hoheitliche Aktion sorgte für solche Entwicklung.

Schön, dass wir Rheinländer unserem kulturellen Tun stets eine überzeugende Philosophie zugrunde legen. „Ich habe da einen Garten. Kein Kolonie-Präsident, kein Vorsitzender oder so passt auf oder kontrolliert, wie hoch der Rasen steht.“ Das passt. Spezielle Auslegung einer speziellen Unabhängigkeit. Rheinische Anarchie hat schon immer etwas mit Vision und Utopie zu tun. Wir sind eben so frei. Dies zu sichern lässt Fiest überzeugt wiederholen: „Im Stadtgarten alles so lassen, wie es ist!“ bh