Einsiedler

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„Ich hasse Menschen“ denkt er. Das denkt er fast immer. Und er lebt zurückgezogen in einer Welt, in der nur weniges für ihn von Bedeutung ist – am allerwenigsten bedeuten ihm die Menschen etwas. Wenn er ihre aufdringliche Nähe spürt, schränkt das seine Freiheit ein. Dann beobachtet er, wie er den Rückzug antritt. Wie eine verängstigte Schnecke zieht er sich in sein inneres Haus zurück. Wenn er aber gelegentlich aus seiner Isolation herauskriecht, spürt er auf einmal: „Menschen können auch gut tun!“

Mit zunächst schützend hochgezogenen Schultern und gesenktem Blick geht er durch die Stadt, um dort die lästigen, aber notwendigen Besorgungen für den täglichen Bedarf zu erledigen. Missmutig betritt er den ersten Laden. Freundlich wird er begrüßt. Und schon keimt ein kleines, warmes Lächeln in ihm auf. Für den Anfang war das wirklich gut! Als er aus dem Laden heraus tritt, wird er beinahe von einem Mann im Rollstuhl überfahren.

Er bleibt erschrocken stehen. Der Rollstuhlfahrer ebenfalls – und lacht ihn an: „Rechts vor Links!“ – „Oh, Danke!“ Das warme Lächeln wächst in seinem Inneren.  Auf seinem weiteren Weg kommt ihm eine Mutter mit Kinderwagen und einem kleinen Mädchen entgegen. Das Mädchen, auf einem bunten Dreirad strampelnd, schaut mit großen und alles erfassenden Augen zu ihm auf: „Hallo!“ ruft sie ihm fröhlich entgegen.

„Hallo, kleines Mädchen“ murmelt er zurück. In seinem Inneren erhitzt sich das Lächeln – ist dabei, zu einem herzlichen Lachen heranzuwachsen. Und ab diesem Moment bewegen sich seine Mundwinkel zaghaft nach oben; sein Blick öffnet sich und traut sich in die Gesichter derer, die ihm auf seinem weiteren Weg begegnen. Beschwingt kehrt er schließlich in seine Einsiedelei zurück. Einerseits überrascht von der Menschenliebe, andererseits froh, wieder allein zu sein. Franziska Lachnit (2017)